Sudeten-Archiv


Die Industrie im Sudetenland

Die Wirtschaftswissenschaft unterscheidet drei Wirtschaftsbereiche:

1. Primärer Bereich: Urproduktion (Land- und Forstwirtschaft, Bergbau, Fischerei),

2. Sekundärer Bereich: (Verarbeitung der Urprodukte durch Gewerbe und Industrie)

3.Tertiärer Bereich (Handel, Banken, Verkehr, Dienstleistungen im weitesten Sinne).

Selbstverständlich betätigten sich die Sudetendeutschen in allen drei Bereichen. Das Schwergewicht lag jedoch im Sekundären Bereich. Hier übertrafen sie mit einem Industrialisierungsgrad von 54 Prozent so entwickelte Länder wie England (46 %), Deutschland (40 %) oder Frankreich (32 %). Dieser Wert galt für 1918 und sank in er CSR infolge national einseitiger Wirtschaftspolitik ab. Dennoch war das Sudetenland noch im Jahre 1938 überproportional am Steueraufkommen der CSR beteiligt (40 % bei einem  Bevölkerungsanteil von 23.5 %, vgl. Hoensch, J. K., Geschichte Böhmens, 1997, S. 432).

Ursprünglich blühte in den Randgebirgen Böhmens der Erzbergbau. Als dessen Fundstätten erschöpft waren, mußten andere Erwerbsquellen gesucht werden. Die Rohstoffbasis begünstigte die Glas- und Textilerzeugung, deren  Zentren etwa Haida, Reichenberg und Warnsdorf waren. Weltweit bekannte Bijouterieware kam aus Gablonz und Umgebung. Die Kohlenflöze im Egergraben waren Grundlage für eine blühende Chemieindustrie, in der die Schichtwerke oder die Firma Merckle in Aussig hervorragten. Darüber hinaus wurden 70 Prozent der gewonnenen Kohle nach Deutschland exportiert, wofür die Elbe als bequemster Transportweg diente. Wertvolles Porzellan stellte man in und um Karlsbad her. Graslitz war das Zentrum für den Bau von Musikinstrumenten. Auf den Geigenbau hatte man sich in Schönbach spezialisiert. Dieser wurde nach der Vertreibung in Bubenreuth fortgesetzt. Der Holzreichtum ermöglichte die Einrichtung zahlreicher Papierfabriken.  Weltruhm im Automobilbau erreichte Nesselsdorf durch die Tatra-Modelle. Ihr Konstrukteur war Hans Ledwinka, den man 1945 mit fadenscheinigen Gründen für sechs Jahre in tschechische Haft schickte. Textilindustrie und Metallbau prägten Brünn , wo die Firma Storek die Kaplanturbine entwickelte, die heute aus keinem Kraftwerk mehr wegzudenken ist. Deutsche Großindustrielle wie Skoda und Ringhoffer schufen Konzerne in Pilsen bzw. Prag. Die Familie Skoda ist im Mannesstamm erloschen, da die Enkel des Firmengründers 1945 in tschechischen Gefängnissen ums Leben kamen.

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft betont in ihrer Selbstdarstellung meist nur die literarisch-künstlerischen Komponenten und behandelt die Industrie bisweilen sehr stiefmütterlich. Die Sudetendeutschen waren aber im Laufe der Jahrhunderte „zu den Trägern der gesamten industriellen Erzeugung in der weiten Habsburgmonarchie herangereift“ (Pfitzner) und kamen 1945 als durchaus industrieerfahrene Bevölkerung in das zerstörte Restdeutschland, für dessen Wiederaufbau sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag leisten konnten.

  Bearbeitung: 16.4.2007: